"Gegendarstellung" (vom 08. Dezember 2002)

zur Sendung des "WDR" vom 20. Januar 2000
bzw. zu dessen Internetseite http://www.wdr.de/tv/service/geld/inhalte/000120_3.html

"Geschäfte mit dem Kummer
Seelsorge-Telefone für bis zu 3,63 Mark pro Minute"
(von Ellen Winter)

Zitat 1:

"Während die Telefonseelsorge seit zwei Jahren jährlich mehr als 1,3 Millionen Anrufer kostenlos berät, tummeln sich auf dem Psychomarkt seit ein paar Monaten auch kommerzielle Anbieter."

Anmerkung 1:

Die Telefonseelsorge arbeitet nicht kostenlos, sondern wird, wenn auch nicht von den Hilfesuchenden, so aber durch Spenden Anderer sowie Zuschüsse kirchlicher und anderer öffentlicher und karitativer Institutionen finanziert! Auch "beraten" die Telefonseelsorger nicht, sondern sie "begleiten" die Anrufer bei ihren Anliegen. Der Autorin scheint die qualitative Abstufung zwischen "Therapie", "Beratung" und "Begleitung" nicht geläufig zu sein. Da Telefonseelsorger nicht zwingend aus Beratungsberufen kommen und demzufolge in der Regel keine Therapie- bzw. Beratungsausbildung haben und auch keine Psychologen, sondern Laien sind, erbringen sie in der Regel keine psychologischen Beratungsleistungen. Das ist auch nicht ihre Aufgabe, sondern sie sind dazu da (und hierfür sind sie vorbereitet), dem Anrufer emotionale Zuwendung zu geben, an seinen Sorgen Anteil zu nehmen, ihn dazu zu veranlassen, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, und aus der Distanz eines sich jeweils einfühlenden Außenstehenden heraus ihm Entlastung zu verschaffen. Die jedenfalls von den professionell ausgebildeten Beratern bei "psychorat!" angebotene psychologische Telefonberatung ermöglicht hingegen darüber hinaus einen Prozeß qualitativ hochwertiger Beratung. Dies rechtfertigt auch die Kommerzialisierung eines solchen Angebotes, zumal auch eine psychologische Präsenz-Praxis nichts anderes als ein kommerzielles Angebot ist, wenn sie mit Beratungsanliegen ohne "Krankheitswert" (z.B. Entscheidungsproblemen, Paarkonflikten, Orientierungslosigkeit) betraut wird.

Zitat 2:

"Unsere Testgespräche ergaben, dass Gespräche bis zu einer Stunde dauern und über 200 Mark an Telefongebühren verschlingen können. Während die Telekom 0190er-Nummern nach einer Stunde automatisch kappt, um die Anrufer vor sich selber zu schützen, kann man bei anderen Providern von 0190er-Nummer auch unbegrenzt lange telefonieren. Für Menschen in seelischen Nöten kann das durchaus den finanziellen Ruin bedeuten."

Anmerkung 2:

Die Darstellung erweckt leicht den Eindruck, als ob es sich bei den Beratungs-Hotlines um skrupellose Abzocker handelt. Zumindestens für die Hotline "psychorat!" möchte sich der Unterzeichner hiergegen verwahren. Zunächst ist festzustellen, daß Anrufer in Kenntnis des erhöhten Telefonentgelts, in dem das Beraterhonorar mit enthalten ist, eine Sofortberatung nachsuchen, wofür sie in aller Regel gute Gründe haben (siehe hierzu Anmerkung 6). Treten im übrigen während des Beratungsgesprächs Anhaltspunkte zutage, daß die Probleme des Anrufers (auch) im finanziellen Bereich liegen, wird dieser Punkt jedenfalls bei "psychorat!" ausdrücklich thematisiert und dem Anrufer nahegelegt, eine kostengünstigere Form der Hilfe nachzusuchen. Im übrigen ist folgende Vergleichsrechnung entgegenzuhalten: für eine 50-minütige Beratung in einer Angelegenheit ohne Krankheitswert, die vom Ratsuchenden auch in einer psychologischen Präsenz-Praxis privat zu finanzieren ist, liegen Honorare von 120,-- DM im allgemeinen an der unteren Grenze. Dieser Betrag entspricht ziemlich genau auch dem Telefonentgelt für eine 50-minütige Beratung bei "psychorat!" (DM 2,42/Min.). Für eine 60-minütige Beratung beträgt der Tarifsatz entsprechend rd. 145,-- DM und ist somit nicht unangemessen. Durch Vorkehrungen des Netzbetreibers von "psychorat!" werden Gesprächsverbindungen im übrigen auf 60 Minuten begrenzt, so daß auch insoweit die Kosten der Beratung für den Anrufer kalkulierbar bleiben.

Zitat 3:

"Auch die inhaltliche Qualität unserer Testgespräche wurde durch einen Psychologen als mangelhaft eingestuft. Weder die angebotenen Ratschläge noch die durchgeführten Gesprächstechniken ließen auf eine professionelle Beratung schließen."

Anmerkung 3:

Es mag dahingestellt bleiben, welcher "Psychologe" (vgl. hierzu Anmerkung 5) die "Qualität der Testgespräche als mangelhaft eingestuft" haben soll: eine in solch allgemeiner Form getroffene Aussage ohne Angabe, wann und mit welchen Hotlines die konkreten Telefonate geführt worden sind, kann leider nur als unwiderlegbare "Killer-Aussage" gewertet werden, da sie allenfalls dazu dient, die in dem Bericht zum Ausdruck kommende Tendenz in unfairer Weise zu verfestigen, indem aus den geführten "Testgesprächen" pauschal auf alle Anbieter von psychologischer Telefonberatung geschlossen wird. Im übrigen sollte der "Tester" nicht die Qualifikation und Erfahrung seriöser Berater unterschätzen, im Gespräch schnell feststellen zu können, ob es sich um ein fingiertes Anliegen "zur Überprüfung des Beraters" oder um ein authentisches Problem eines ernsthaften Anrufers handelt, was sich naturgemäß auch auf den Dialog auswirkt. Zumindest bei "psychorat!" werden im übrigen keine "Ratschläge angeboten", sondern es werden von den professionellen und fachlich gut ausgebildeten Beratern im Gesprächsprozeß mit dem Anrufer Lösungsmöglichkeiten entwickelt, die zu dem Anrufer passen. Für Angelegenheiten, die einer Telefonberatung nicht zugänglich sind, wird im übrigen bei "psychorat!" die Inanspruchnahme geeigneter Hilfen vor Ort (Arzt, Psychotherapeut o.ä.) nahegelegt.

Zitat 4:

"Außerdem sollte sich jeder Anrufer bewusst sein, dass das Gespräch mit einer 0190er-Nummer natürlich in dem Einzelverbindungsnachweis der Telefonrechnung auftaucht und man dadurch im eigenen Haushalt nicht anonym bleibt. Dagegen kann niemand einen Anruf bei der Telefonseelsorge nachvollziehen, weil dieses Angebot kostenlos ist und somit nicht in der Telefonrechnung auftaucht."

Anmerkung 4:

Das ist kein durchschlagendes Argument gegen eine psychologische Telefonberatung, weil es allein in der Organisationsgewalt des Anrufers liegt, das Telefon zu bestimmen, von welchem aus er das Beratungsgespräch führt, und er es im übrigen in der Hand hat, seinen Einzelverbindungsnachweis bei Bedarf vom Netzbetreiber anonymisieren zu lassen.

Zitat 5:

"Sollten Sie doch eine psychologische Telefonberatung in Anspruch nehmen, hier ein paar wichtige und grundlegende Anhaltspunkte:

- Der Berater sollte Diplom-Psychologe sein, damit unterwirft er sich seiner beruflichen Ethik."

Anmerkung 5:

Das ist sowohl in fachlicher als auch in berufsrechtlicher Hinsicht Unsinn. In fachlicher Hinsicht dürfte es zumindest bei ernsthaft recherchierenden Medien inzwischen auch bekannt sein, daß - im Gegensatz zu anderen akademischen Berufen - der Hochschulabschluß als Diplom-Psychologe noch lange nicht zur Ausübung der Funktionen befähigt, die die Öffentlichkeit mit diesem Titel im allgemeinen verbindet, nämlich psychologische Beratung oder Psychotherapie. Vielmehr qualifiziert erst eine drei- oder vierjährige nach- bzw. außeruniversitäre (postgraduale) Ausbildung in einem Therapie- oder Beratungsverfahren dazu, derartige qualifizierte Dienstleistungen am Menschen kompetent auszuüben. Da solche Ausbildungen auch Heilpraktikern oder Personen mit anderen einschlägigen Grundausbildungen offenstehen, ist das Vorliegen einer universitären Grundausbildung als Diplom-Psychologe von eher untergeordneter Bedeutung, zumal es sich bei der psychologischen Beratung wie auch "bei der Psychotherapie um eine Praxeologie handelt, die sich zwar wissenschaftlicher Grundlagen bedient, aber mit Wissenschaft nicht gleichzusetzen ist" *]. Im übrigen verwundert es, daß das zitierte Statement ausgerechnet unter der Verantwortung des "WDR" verbreitet wird, der selbst in einer eigenen regelmäßigen Radio- und Fernsehsendung ("Eins Live Domian") Live-Gespräche mit Anrufern über deren seelische Probleme u.ä. von jemandem führen läßt, der selbst kein Diplom-Psychologe, sondern Moderator und Redakteur ist, dem der Sender aber gleichwohl konzidiert, eine "professionelle Hilfe für viele Menschen mit Problemen" zu bieten (die Verwunderung wird auch nicht dadurch ausgeräumt, daß - wie es heißt - "im Hintergrund der Sendung ein Diplom-Psychologe bereitsteht")! Der Unterzeichner kritisiert hiermit wohlgemerkt nicht die Tätigkeit des Bundesverdienstkreuz-Anwärters Domian, sondern die Doppelzüngigkeit des "WDR".

In berufsrechtlicher Hinsicht ist anzumerken, daß alle Berufskreise, die therapeutische, seelsorgerische oder psychologische Beratungsleistungen erbringen, der Ethik ihres Berufsstandes unterworfen sind.

*] (aus einer Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie
von Kurt Ludewig, Arist von Schlippe, Anni Michelmann, Marie-Luise Conen, Gisal Wnuk-Gette)

Zitat 6:

"- Ein telefonisches Gespräch kann nur aktuelles Krisenmanagement sein; ansonsten muss der Berater Sie weiterverweisen.
... ... ...
- Keine Dauerberatung, keine Bindung an die eigene Person und damit keine Abhängigkeit fördern.
... ... ...
- ... Beratung ersetzt keine längerfristige Beratung von mehreren Stunden ..."

Anmerkung 6:

Das ist im wesentlichen Humbug. Eine Bindung an einen Berater oder Therapeuten dürfte auch in einer Präsenz-Beratung oder -Therapie problematisch sein und wäre hier wie dort ggf. mit dem Ratsuchenden zu thematisieren. Natürlich kann ein Telefongespräch auch eine aktuelle Krisenintervention beinhalten, aber für eine sich daran ggf. anschließende psychologische (auch mehrmalige) Beratung ist es unerheblich, ob diese in einer psychologischen Präsenz-Praxis, bei einer Institution oder telefonisch erfolgt. Eine psychologische Telefonberatung hat gegenüber dem Face-to-face-Setting einige wenige Nachteile (insbes. kein visueller Kontakt), aber auch unbestreitbare Vorteile (spontane Erreichbarkeit, keine Anfahrtswege, keine Termin-Wartezeiten, Möglichkeit der Anonymität); und nicht die Interessenverbände der niedergelassenen Psychologen, sondern der Ratsuchende selbst sollte für sich herausfinden, welches Setting für ihn das geeignetere ist und ob er - wenn er sich für die Telefonberatung entscheidet - seinen vertrauten Berater mehrmals konsultiert.

Zitat 7:

"- Der Berater sollte Infos geben: Was ist eine Therapie und wie läuft die ab?"

Anmerkung 7:

Das ist bei einer kostenpflichtigen Hotline keine gute Empfehlung. Der Ratsuchende dürfte sich "bedanken", wenn er für 2,42 DM oder gar 3,63 DM pro Minute sich Informationen darüber anhören soll, "was eine Therapie ist und wie die abläuft". Für derartige Informationen sind kostenlose Informationsdienste wie z.B. der "Psychotherapie- Informations- Dienst" (siehe Anmerkung 9) die geeigneteren Ansprechpartner. Eine kostenpflichtige Psycho-Hotline dagegen bezieht ihre Entgelt-Rechtfertigung ja gerade aus dem Umstand, daß sie dem Anrufenden im wesentlichen eine (auch erwartete) inhaltliche Beratung für seine psychischen Probleme anbietet und allenfalls - soweit nötig - die Abgrenzung zu einer (am Telefon selbstverständlich nicht leistbaren) Psychotherapie erläutert.

Zitat 8:

"Welche kostenlosen Beratungsmöglichkeiten gibt es?

- Telefonseelsorge ..."

Anmerkung 8:

Wie schon unter Anmerkung 1 ausgeführt, bietet die Telefonseelsorge keine "psychologische Telefonberatung" an, so daß sie höchstens in Ausnahmefällen als Alternative zu einer qualifizierten und von dafür ausgebildeten Beratern oder Therapeuten durchgeführten psychologischen Telefonberatung angesehen werden kann. Im übrigen mutet die Empfehlung dieser "kostenlosen Beratungsmöglichkeit" insofern verlogen an, als an anderer Stelle (siehe Zitat 5) gefordert wird, daß der Berater Diplom-Psychologe sein soll, und hinreichend bekannt sein dürfte, daß sich Telefonseelsorger/-innen in der Regel eben gerade nicht aus solchen Personen rekrutieren.

Zitat 9:

(noch: kostenlose Beratungsmöglichkeiten)

"- pid - Psychotherapie-Informations-Dienst
... ... ...
Diplom-Psychologen beraten Sie telefonisch, erstellen anhand der gewünschten bzw. in der Telefonberatung entwickelten Kriterien eine Liste der möglichen Behandlungsangebote einer Region und senden Ihnen diese zu. Das Angebot ist kostenlos."

Anmerkung 9:

Diese Empfehlung stellt eine Irreführung dar, weil die Diplom-Psychologen des "pid" die Ratsuchenden zu ihren Problemen nicht inhaltlich, sondern lediglich dahingehend beraten, welche Therapieform für das vorgetragene Anliegen zweckmäßig ist und welche geeigneten Therapeuten es in der Region des Anrufers gibt. Die hierduch vermittelte Beratung bzw. Therapie vor Ort ist selbstverständlich nicht kostenlos, sondern muß vom Ratsuchenden oder Patienten bzw. von dessen Krankenversicherung (wenn es sich um ein Anliegen mit Krankheitswert handelt) bezahlt werden.

Zitat 10:

(noch: kostenlose Beratungsmöglichkeiten)

"- Niedergelassene Psychologen und Psychotherapeuten aus den Gelben Seiten"

Anmerkung 10:

Auch hier scheint die Autorin kostenlos erteilte Infos über (!) Beratung und Therapie munter zu verwechseln mit der inhaltlichen Beratung/Therapie selbst, die natürlich auch niedergelassene Psychologen und Therapeuten nicht kostenlos anbieten, sondern sich von ihren Klienten/Patienten oder deren Krankenversicherung bezahlen lassen, da sie schließlich davon leben! Die Empfehlung stellt demnach eine weitere Irreführung dar, soweit die aufgeführte "Beratungsmöglichkeit" als kostenlose Alternative zu einer psychologischen Telefonberatung herhalten soll.

... ... ...

Fazit:

Die (im Internet noch nachvollziehbare) Sendung des "WDR" enthält für Ratsuchende nur wenige brauchbare Hinweise, ansonsten und überwiegend aber leider tendenziöse, unsubstantiierte, undifferenzierte, irreführende und zum Teil auch verlogene Darstellungen. Der Verdacht drängt sich auf, daß auf Veranlassung eines bedeutenden Berufs- und Interessenverbandes ein unter dem Deckmantel von Qualitätssicherung, Berufsethik und Verbraucherschutz geführter Verteilungskampf zugunsten der niedergelassenen Diplom-Psychologen oder der entsprechend etablierten Berufskreise geführt wird, wofür sich selbst eine einflußreiche Rundfunkanstalt nicht zu schade ist, weil es noch immer lukrativ zu sein scheint, in weiten Kreisen der Öffentlichkeit infolge von Unwissenheit bestehende Vorurteile am Köcheln zu halten. Nach Auffassung des Unterzeichners sollte es stattdessen die vorrangige Aufgabe insbesondere einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt sein, die Auseinandersetzung mit einem sozial vielleicht heiklen Thema durch differenziertere Beiträge zu bereichern.

Fünf Monate später erfolgte eine offensichtliche "Retourkutsche" des "WDR", wiederum in Zusammenarbeit mit dem "Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)", der die Gelegenheit nutzte, eine Kampagne gegen Psychologische Telefonberatungen anzuzetteln. Näheres zu der Kampagne - soweit sie gegen "psychorat!" gerichtet ist - finden Sie hier.

Michael Schneider, Psychologischer Berater und Therapeut
(Heilpraktiker für Psychotherapie)
psychorat! - Die psychologische Telefonberatung
- Koordinator -
Glienicker Str. 3
14109 Berlin
Tel. (030) 80 60 23 28
eMail:

Inhaltlich Verantwortlicher gem. § 6 MDStV: Michael Schneider
Mitglied im Verband Freier Psychotherapeuten
und Psychologischer Berater e.V. (VFP)
Lister Str. 9, 30163 Hannover

Hier geht's zu    psychorat! - Die psychologische Telefonberatung