Michael Schneider

Hermeneutische Spirale

 

 

 

 

Zum Begriff "Psychotherapie" bzw. "Psychotherapeut(in)" und zur

Qualifikation von Therapeut(inn)en

(auch ein berufspolitisches Statement)

Unter Psychotherapie ist - verkürzt gesagt - die Heilung der krankgewordenen Seele (Psyche) zu verstehen. Ziel einer Therapie ist, Fehlentwicklungen zu korrigieren, die sich in gestörtem Erleben (Wahrnehmen, Denken, Fühlen) und Verhalten verfestigt haben. Hierbei darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, daß der Mensch eine Körper-Seele-Geist-Einheit ist und sowohl krankmachende als auch heilende Veränderungen in einem Bereich entsprechende Auswirkungen auf die jeweils anderen Bereiche haben können.

Die Ursprünge heutiger psychotherapeutischer Verfahren gehen auf Sigmund Freud (Psychoanalyse), Carl Gustav Jung (analytische Psychotherapie), Alfred Adler (Individualpsychologie) - alle gesamt tiefenpsychologische Verfahren - zurück. Seitdem ist eine unübersehbar große Zahl von Weiterentwicklungen und Neuschöpfungen tiefenpsychologischer, erlebnisorientierter, kognitiver, imaginativer, suggestiver, körperlich orientierter und anderer Psychotherapieverfahren entstanden - um nur die bekanntesten zu nennen: Kognitive Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Integrative Therapie, Bewegungs- und Leibtherapie, Systemische Familientherapie, Psychodrama, Katathymes Bilderleben, Transaktionsanalyse, Bioenergetische Verfahren, Lösungsorientierte Kurzzeittherapie, Logotherapie, Wertorientierte Imagination, Hypnotherapie, Neurolinguistisches Programmieren (NLP), Rational-emotive Therapie, Positive Psychotherapie, Primärtherapie und andere (die Aufzählung ließe sich noch fortführen).

Entscheidend für die heilende Wirkung beim Patienten ist allerdings weniger das angewandte Therapieverfahren, sondern eine tragfähige Therapeut-Patient-Beziehung, eine solide Ausbildung und Erfahrung sowie menschliche Kompetenz des Therapeuten und eine ausreichende Motivation des Patienten zur Mitarbeit (anders als üblicherweise bei medikamentöser bzw. schulmedizinischer ärztlicher Behandlung).

Zur Abgrenzung von Psychotherapie zu psychologischer Beratung siehe hier.

Da auch die Ausübung von Psychotherapie heilkundliche Tätigkeit darstellt (anders als psychologische Beratung bei Anliegen ohne Krankheitswert), ist sie ausschließlich den zur Ausübung von Heilkunde zugelassenen Personen vorbehalten. Dies sind ärztliche Psychotherapeuten, Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten und Therapeuten mit entsprechender Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz (HPG), auch wenn sich letztere nach Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes (PTG) nicht mehr "Psychotherapeut" nennen, dennoch aber zulässigerweise Psychotherapie ausüben dürfen. Dieser Hinweis wird nach den vielen Verunsicherungen, die nach dem Inkrafttreten des PTG auch mithilfe einiger Medien in die Öffentlichkeit transportiert worden sind, als besonders wichtig im Sinne einer vollständigen Patientenaufklärung angesehen!

(Den vorstehenden Text hat der Autor auch dem Verlag Videel zur Verfügung gestellt, der ihn im "Deutschen Heilpraktiker-Führer" unter "Psychotherapie, allgemein" abgedruckt hat.)

Zu der Tatsache, daß ein einschlägiger Berufsverband für die Ausübung von Psychotherapie den wissenschaftlichen (akademischen) Abschluß als Diplom-Psychologe "hochhält", ist allerdings - auch der Implikation des Psychotherapeutengesetzes zum "Trotz" - Folgendes anzumerken: Es hat sich bei Patienten und in Fachkreisen - auch bei ansonsten titelorientierten Personen - schon lange herumgesprochen, daß es eine Reihe sehr befähigter Kolleginnen und Kollegen gibt, die keine Diplom-Psychologen sind, sondern ihre Grundausbildung (und nur um diese handelt es sich hierbei) inkl. Ausbildung in klinischer Psychologie bei außeruniversitären - in vielen Fällen (insbes. bezogen auf die spätere Berufspraxis) bestimmt nicht minder effizienten - Einrichtungen und auf andere geeignete Weise absolviert haben, und die aufgrund hieran sich angeschlossener qualifizierter Therapieausbildungen (die ohnehin - jedenfalls bisher - außeruniversitär zu absolvieren waren), ihrer eigenen Persönlichkeit und nicht zuletzt ihrer einschlägigen Berufserfahrung ausgezeichnete Berater und Therapeuten sind, so, wie es andererseits Diplom-Psycholog(inn)en geben dürfte, die sich weder als Psychologische Berater noch als Therapeuten eignen (die aber vielleicht in anderen psychologischen Berufsfeldern gute Dienste leisten mögen)! Wer es nicht wahrhaben will oder sich mit dieser Sichtweise schwertut, dem möge das Nachvollziehen des folgenden Zitats bei der Reflexion über das komplexe Thema helfen:

Professionalität und Wissenschaft
(aus einer Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie
von Kurt Ludewig, Arist von Schlippe, Anni Michelmann, Marie-Luise Conen, Gisal Wnuk-Gette)
"... ... ...
Psychotherapie ist die praktische Anwendung von Handlungsweisen, die sich bei der Behandlung von Menschen, die unter psychischen Beeinträchtigungen leiden, empirisch bewährt haben. Kriterium professioneller Anwendbarkeit ist dabei, ob ein Verfahren hilfreich, menschlich und unschädlich ist. Psychotherapie als Profession ist eine wissenschaftlich fundierte Praxeologie, die sich zu ihrer Begründung interdisziplinären (anthropologischen, psychologischen, sozialwissenschaftlichen) Grundlagenwissens bedient. Psychotherapie als Profession bedient sich zwar wissenschaftlichen Wissens, ist aber mit Wissenschaft nicht gleichzusetzen, zumal Wissenschaft andere Aufgaben hat, als sich in der Praxis zu bewähren (vgl. u.a. Reiter & Steiner 1996, Buchholz 1999). Die Art und Weise nun, wie diese Grundlagen zur Begründung eines psychotherapeutischen Ansatzes herangezogen werden, hängt wesentlich vom zugrunde gelegten Verständnis des Menschen - dem Menschenbild - ab (vgl. z.B. Herzog 1984). Als eine von Personen an Personen ausgeübte Praxis beruht Psychotherapie zudem auf sehr komplexen zwischenmenschlichen Interaktionen ...
... ... ...
Im Unterschied zu einer wissenschaftlichen Disziplin (hier: z.B. Psychologie - Zusatz v. Verf. -), deren Aufgabe es ist, einen bestimmten Erkenntnisgegenstand nach wissenschaftlichen Regeln zu erfassen, handelt es sich bei einer Profession (hier: Psychotherapie - Zusatz v. Verf. -) um selbständiges Wissen für die effektive Handhabung eines Praxisbereiches. Hierzu gehört die Verfügbarkeit erfolgreicher Routinen für die Lösung der kennzeichnenden Probleme dieses Bereiches. Dies trifft im besonderen Maße auf die Psychotherapie zu. Denn in der Psychotherapie geht es immer um singuläre und gleichzeitig komplexe Probleme, angesichts derer immer mit einem gewissen Grad von Unsicherheit zu rechnen ist. Daher kommen hier neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch Intuition, Risikofreudigkeit, Verantwortungsübernahme, Berufserfahrung und andere individuelle Eigenschaften des Therapeuten zur Anwendung.
... ... ...
(Literatur: Buchholz, M., 1999, Psychotherapie als Profession, Psychosozial-Verlag Gießen; Herzog, W., 1984, Modell und Theorie in der Psychologie, Hogrefe Göttingen; Reiter, L. & Steiner, E., 1996, Psychotherapie und Wissenschaft - Beobachtung einer Profession, in Pritz, A. [Hg.], Psychotherapie - eine neue Wissenschaft vom Menschen, pp. 159-203, Springer Wien/New York ...)".

Abgesehen von den Überlegungen des vorstehenden Zitats ist in der Fachöffentlichkeit im übrigen hinlänglich bekannt und wird in diverser - hauptsächlich logotherapeutischer - Literatur bestätigt, daß in der psychologischen Beratung, Psychotherapie und überkonfessionellen Seelsorge eine Vielzahl von Interventionen positive Wirksamkeit entfaltet, die sich wissenschaftlicher Beweisbarkeit entzieht bzw. den herkömmlichen Methoden wissenschaftlicher Forschung und Lehre nicht zugänglich ist, was den Stellenwert einer wissenschaftlichen Grundausbildung auch insoweit relativieren dürfte. Näheres können Sie den Ausführungen über psychologische Seelsorge entnehmen.

Hier noch eine andere Betrachtungsweise mittels einer Tabelle: Es gibt eine Reihe von Untersuchungen über die personenabhängigen Faktoren, die den Erfolg einer Psychotherapie maßgeblich beeinflussen. Natürlich hat der Therapeut einen wesentlichen Einfluß, aber nicht den alleinigen: auch der Patient bestimmt den Ausgang der Therapie zu einem nicht unerheblichen Grad mit, insbesondere durch die Ausprägung seiner Bereitschaft, etwas zu verändern, die keineswegs schon dadurch gegeben ist, daß er zur Therapie kommt. Von einigen Autoren wird der "Wirkfaktor Patient" sogar mit 30 % beziffert; in der untenstehenden Tabelle ist er mit 20 % veranschlagt.

Desweiteren ist die therapeutische Beziehung, insbesondere die "Chemie" zwischen Patient und Therapeut, eine sehr wesentliche Einflußgröße. Ihr wird von einigen Autoren sogar die größte Bedeutung für das Gelingen einer Psychotherapie / Beratung zugewiesen. In der Tabelle ist dieser Faktor mit 30 % veranschlagt. Hiernach bleiben für den Therapeuten noch 50 % an Einflußmöglichkeit: Bedenkt man, daß der Therapeut nicht nur durch seine fachliche Kompetenz, sondern auch durch menschliche Eigenschaften und Kompetenz wie Selbsterfahrung, Einfühlungsvermögen, aber auch Intuition, Phantasie und Humor zu dem Erfolg einer Therapie beitragen kann, und veranschlagt man insgesamt für die "menschlichen" Faktoren 15 Prozentpunkte, dann bleiben für die fachliche Kompetenz, also für Ausbildung und Berufserfahrung zusammen noch 35 Prozentpunkte. Mißt man der sicherlich nicht unwichtigen Berufserfahrung hiervon wenigstens 10 Prozentpunkte zu, dann bleiben für die Ausbildung noch 25 Prozentpunkte, die sich die Grundausbildung (also das Psychologie-Studium oder eine außeruniversitäre Grundausbildung) und die Therapieausbildung(en) nun teilen müssen.

Veranschlagt man die Therapieausbildung(en) als den wesentlichen Ausbildungsfaktor für den Therapeuten-Beruf (eine sich selbst erklärende Vorannahme) mit 15 Prozent, dann bleiben für die Grundausbildung - also z.B. das Psychologie-Studium - gerade einmal 10 Prozent "Wirkkraft" für das Gelingen einer Psychotherapie übrig. Die entsprechende Schlußfolgerung (ob der vom oben genannten Berufsverband geforderte akademische Grad eines Diplom-Psychologen für die Psychotherapieausübung ein unverzichtbarer Wirkfaktor oder diese Forderung eher ein "Würgfaktor" ist) überlasse ich nunmehr dem Leser / der Leserin!

Sicherlich könnte man die Prozente noch - je nach Einstellung, Überzeugung, Leidenschaft oder eigener bzw. fremder empirischer Erkenntnis - hin- und herschieben, und der Verfasser wäre für andere Aufteilungsvorschläge aus der Fachkolleg(inn)enschaft an seine eMail-Adresse dankbar, jedoch sollte hierbei bedacht werden, daß bei einer Zuweisung von mehr Prozentpunkten an einer Stelle (wofür es immer gute Gründe geben kann) oder der Benennung eines hier nicht aufgeführten Kriteriums eine entsprechende Verminderung bei einem anderen Wirkfaktor "verantwortet" werden muß; denn mehr als 100 Prozent stehen nun einmal leider nicht zur Verfügung :-)!

Die Wirkfaktoren bei der Psychotherapie
(die Tabelle ist hierarchisch von links nach rechts zu verstehen)

Therapeut/-in 50% fachliche Kompetenz 35% Ausbildung 25% Grundausbildung (z.B.Studium) 10%

10%

      Therapieausbildung(en) 15%

15%

    Berufserfahrung 10%  

10%

  menschliche Kompetenz 15% Selbsterfahrung, Lebenserfahrung, Intuition, Phantasie u.a. 10%  

10%

    Einfühlungsvermögen, Wertschätzungsfähigkeit 5%  

5%

therapeutische Beziehung ("Chemie"u.a.) 30%
     

30%

Patient/-in
20%
Reflexionsfähigkeit 5%    

5%

  Veränderungs- motivation 15%    

15%

100%      

100%

© seit 2000 Michael Schneider

Für einen seriösen Psychotherapie-Ausübenden sollte allerdings neben der weiter oben genannten formalgesetzlichen Voraussetzung das Vorliegen einer abgeschlossenen Ausbildung in mindestens einem Psychotherapie-Verfahren eine Selbstverständlichkeit sein. Dies gilt für den Heilpraktiker ebenso wie für den psychotherapie-ausübenden Arzt, aber auch für den Diplom-Psychologen ohne Approbation oder andere Personen, die aufgrund des HPG Psychotherapie ausüben!

Nützliche Informationen zu verschiedenen Psychotherapie-Verfahren und zur Wahl eines Therapeuten, ferner zu alternativen Therapien, zu Psychopharmaka u. a. können Sie der Homepage vom "Psychiatrienetz" entnehmen (für die hierüber aufrufbare Fremdseite wird keine Verantwortung übernommen).

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O f f e n e r B r i e f

An die Redaktion des STERN

Berlin, den 23.05.1999

Betr.: Artikel im Stern Nr. 18/1999 "Wie finde ich den richtigen Therapeuten"

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich unterstelle mal, daß hinter Ihrem o.a. Artikel im Stern Nr. 18 die Absicht stand, eine begrüßenswerte Verbraucheraufklärung zu betreiben; es sind jedoch in ihm polemische Passagen enthalten, die nicht hinzunehmen sind.

Soweit Sie z.B. darin schreiben (S. 58), "Hinter Bezeichnungen wie Psychologe oder Praxis für Psychotherapie kann sich dagegen weiterhin ein Heilpraktiker ohne jede seriöse Fachausbildung verstecken", erwecken Sie bei - zumindest flüchtigen - Lesern den Eindruck, daß es sich bei anderen Personen als Ärzten oder "Psychotherapeuten" um Praktizierende ohne seriöse Fachausbildung handelt. Dies stellt eine Diffamierung von Berufskreisen dar, die sehrwohl qualifizierte Ausbildungen haben können, obwohl sie nicht zu den Ärzten oder den psychologischen Psychotherapeuten, die sich "Psychotherapeuten" nennen dürfen, gehören.

Offenbar waren Sie hier den rührigen Bemühungen des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (BDP) - vertreten durch den PID - erlegen, der im Eifer des berufspolitischen Verteilungskampfes unter Verwendung auch Ihrer Zeitschrift eine Öffentlichkeitskampagne betreibt, die vor einer Diskriminierung anderer qualifizierter Berufskreise nicht zurückschreckt. Vermutlich ist es dem BDP bzw. dem PID - und auch Ihnen - entgangen, daß es inzwischen eine Reihe namhafter außeruniversitärer Aus- und Weiterbildungseinrichtungen für Psychotherapie gibt, die auch anderen geeigneten Personen als Diplom-Psychologen qualifizierte Therapie-Ausbildungen und Ausbildungen in klinischer Psychologie gewähren, auch wenn deren erfolgreiche Absolventen sich heute nicht mehr "Psychotherapeut" nennen dürfen, selbst wenn sie diese Tätigkeit zuvor seit Jahren zulässigerweise, zuverlässig, erfolgreich und zur Zufriedenheit ihrer zahlreichen Patienten ausgeübt haben und auch weiterhin zulässigerweise ausüben dürfen.

Die in Ihrem Artikel durchschimmernde Grundhaltung einiger Inspiratoren entbehrt außerdem nicht einer gewissen Verlogenheit, wenn z.B. an anderer Stelle - durchaus zutreffend - darauf hingewiesen wird, daß "bereits die halbe Miete" eine gute Beziehung zwischen Therapeut und Patient sei, daß also "die Chemie" stimme. Als ob das Zertifikat eines "Psychotherapeuten" ein Garant dafür wäre, daß dieses wichtige Kriterium erfüllt ist und im übrigen auch die ebenso wichtigen Eigenschaften wie Wertschätzung des Patienten sowie Lebensweisheit und -erfahrung beim Therapeuten vorhanden sind!

Ein "Stern" am Aufklärungshimmel ist der Stern-Artikel insoweit wahrlich nicht!

Mit freundlichem Gruß

Michael Schneider
Psychologischer Berater und Therapeut (Heilpraktiker für Psychotherapie)
Mitglied im Verband Freier Psychotherapeuten und Psychologischer Berater e.V. (VFP)

 

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O f f e n e r B r i e f

An die Redaktion von
PSYCHOLOGIE HEUTE
69441 Weinheim

Berlin, den 03.04.1997

Betr.: Psychotherapeuten-Gesetz bzw. Heilpraktiker-Ausbildung

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Zuschrift von Herrn RA Gerd Pulverich (BDP) in "Psychologie heute" 3 / 97, mit der dieser sich kritisch über die Werbemethoden einer bundesweiten Heilpraktiker-Schule sowie generell über die Qualifikation von Heilpraktikern zur Ausübung von Psychotherapie äußert, möchte ich nicht unkommentiert lassen:

Ich teile uneingeschränkt die kritischen Äußerungen des Lesers, soweit diese von der Sorge getragen sind, daß durch nicht ausreichend qualifizierte therapeutisch tätige Personen bei hilfesuchenden Klienten bzw. psychisch Kranken schwerer Schaden entstehen kann. Ich vermag den Ausführungen jedoch insoweit nicht zuzustimmen, wie mit ihnen der Eindruck erweckt werden soll, daß Heilpraktiker für die Ausübung von Therapie (hier: Psychotherapie) generell deshalb fachlich nicht ausreichend geeignet sind, weil sie keinen Hochschulabschluß haben, keine 1000 Stunden Theorie, 600 Stunden Krankenbehandlung unter Supervision während der Ausbildung sowie theoretische und praktische Erfahrung in der psychiatrischen Versorgung vorweisen können.

Eine derartig pauschal vorgenommene Abqualifizierung eines ganzen Berufsstandes muß ich auf das entschiedenste zurückweisen, weil sie unberücksichtigt läßt, daß eine gute psychologische Grundausbildung auch außer-universitär erworben werden kann, daß qualifizierte Therapieausbildungen einschließlich Supervision in der Regel außer-universitär zu absolvieren sind (und inzwischen auch Heilpraktikern offenstehen) und daß eine Ausbildung wie die von Herrn Pulverich beschriebene, wenn sie denn qualifiziert ist, nur ein Kriterium für eine spätere erfolgreiche therapeutische Tätigkeit darstellt. Hinzu kommen noch andere Fähigkeiten wie menschliche Reife, Lebenserfahrung, Sorgfaltswaltung (inkl. Erkennen der eigenen Grenzen), Geschicklichkeit, Intuition etc., die ebenfalls den Erfolg einer therapeutischen Behandlung maßgeblich beeinflussen. Wenn ein Therapeut diese Eigenschaften nicht aufweist, nützt die beste universitäre Ausbildung nicht viel. Herr Pulverich wird mir vielleicht zustimmen, daß es in der großen Therapeuten-Gemeinschaft sicherlich Diplom-Psychologen gibt, die diesen Beruf aus den eben beschriebenen Überlegungen heraus eigentlich nicht ausüben sollten. Dagegen gibt es außer-universitär ausgebildete verantwortungsvolle Therapeuten, die sehr erfolgreich sind.

Es ist in der Öffentlichkeit sicherlich nicht unbemerkt geblieben, daß der Berufsstand des Heilpraktikers sich seinen Platz in der Krankenversorgung erobert hat, nicht zuletzt deshalb, weil eine Vielzahl von hilfebedürftigen Personen - aus welchen Gründen auch immer - der schulmedizinischen Behandlungsverfahren überdrüssig geworden ist. Ich bin zuversichtlich, daß sich dies bei den Heilpraktikern für Psychotherapie (einem übrigens noch jungen Berufszweig, der erst durch ein Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahre 1993 möglich geworden ist) ähnlich entwickeln wird.

Es ist im übrigen nicht den Heilpraktikern für Psychotherapie anzulasten, daß diesen der Zugang zum Sammeln von Erfahrungen in der psychiatrischen Versorgung in der Regel verwehrt wird, ebenso wie es immernoch eine Reihe von therapeutischen Ausbildungsinstituten gibt, die unter dem Mantel der "Aufrechterhaltung von Qualitätsstandards" sich für berufspolitische Verteilungskämpfe verwenden lassen, indem sie gerade denjenigen Heilpraktikern für Psychotherapie, die den Anspruch haben, sich qualifiziert weiterzubilden, den Zugang zu ihren Ausbildungsgängen verwehren! Ich selbst habe diese Erfahrungen - da ich die Ausbildung in der Heilpraktiker-Schule als unzureichend empfand - am eigenen Leibe machen und über weite Strecken kämpfen müssen, bis ich jeweils einen Platz in renommierten Therapie-Ausbildungsinstituten gefunden habe.

Und noch eines sollte Herr Pulverich (hier in seiner Eigenschaft als Jurist) wissen: die Überprüfung bei der Gesundheitsbehörde vor der Erteilung der Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde - nur Psychotherapie - erstreckt sich zwar formalgesetzlich darauf, daß der Bewerber "keine Gefahr für die Volksgesundheit" darstellt, jedoch wird dies inzwischen nahezu allerorts - auch ohne einheitliche inhaltliche Überprüfungsvorgaben - sehr umfassend ausgelegt im Sinne einer sehr eingehenden Prüfung in Klinischer Psychologie, Psychiatrie, Diagnostik, Psychosomatik, Krisenintervention, Psychopharmaka, gesetzlichen Grundlagen und einschlägigen Therapieverfahren. Ich selbst habe mich z.B. in der mündlichen Einzelprüfung 40 Minuten lang den Fragen stellen müssen. Wie ich das hierzu notwendige Wissen erworben habe, hat hierbei niemanden interessiert.

Ich wünsche mir, daß diese Ausführungen auch in der interessierten Öffentlichkeit dazu beitragen, von pauschalen Vorverurteilungen abzurücken, und möchte hilfesuchende Klienten dazu ermutigen, bei der Suche nach einem zu ihnen passenden Therapeuten auch den verantwortungsbewußten Heilpraktikern für Psychotherapie das Vertrauen entgegenzubringen.

Mit freundlichem Gruß

Michael Schneider
Psychologischer Berater und Therapeut (Heilpraktiker für Psychotherapie)
Mitglied im Verband Freier Psychotherapeuten und Psychologischer Berater e.V. (VFP)

 

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